19. Juli 2006 Machame-Route, sechste Tagesetappe (II)

Wer den ersten Teil unserer sechsten Tagesetappe auf der Machame-Route gelesen hat, der weiß das wir gerade im Barafu-Camp (4700 m) eine wohlverdiente Pause genießen. Es ist 9.10 Uhr nach der mitteleuropäischen Sommerzeit. Na ja, da kommt gleich schon wieder eine Einschränkung „von wegen genießen“. Seit wir das Camp vor gut einer Stunde das erste mal von oben kommend sahen, haben wir uns die Pause vor unserem geistigen Auge ausgemalt:
Also erst einmal viel kühles trinken, dann vielleicht eine kräftige Suppe und anschließend noch für eine Stunde in den Schlafsack kriechen oder so, denn auf dieser Tagesetappe stand ja noch der Weg bis auf 3000 m zum Mweka-Camp an und da wollten wir unsere Kräfte einteilen und vielleicht sogar ein wenig schonen.

Pustekuchen. Unser Zelt war abgebaut, die persöhnlichen Sachen lagen zwischen Kühlschrank großen Lavagestein herum. Gut, Getränke gab es, sonst nix. Bei der nächsten Rast könnten wir ja immer noch was essen. Um es abzukürzen, die Pause war urungemütlich und wirklich nur wenig erholsam.


das höchsgelegene Örtchen, das ich kenne


keine Zeit mehr für die Landschaft ringsrum

Georg quälten extreme Kopfschmerzen und er hatte erste Krämpe in den Oberschenkeln. Die Oberschenkel (von Georg) hat dann James unser (Super)Koch mit einer stinkenden und wohl auch reichlich brennenden Salbe eingerieben. Die Kopfschmerzen bekämpfte Georg selber mit zwei Aspirin. Ein oder zwei Päckchen Orangensaft rundeten unser Pausenvergnügen ab und als dann endlich alles verteilte Tagesgepäck eingesammelt und eingepackt war, ging es los, immer bergab zum nächsten Etappenziel.
In etwa 2 Stunden haben wir das Tagesziel Mweka-Camp erreicht.“ sagte Msafiri um 9.30 Uhr und erhöhte sofort die Schrittfrequenz. Eine halb Stunde hielten wir mit, dann nahm das Übel seinen Lauf. In Folge der Aspirin-Orangensaft Mischung und der körperlichen Verausgabung begann Georgs Körper urplötzlich mit einer Selbstreinigung indem er alles einfach auskotzte. Wir verlangsamten das Tempo und weitere Kotz-Attacken verlangsamten unser Weiterkommen noch mehr.

Mitleidige Blicke anderer Abenteurer verbesserten Georgs Zustand nun auch nicht wirklich. Nach 1 1/2 Stunden sahen wir in weiter Fern das ersehnte Camp. Endlich, bald sind wir da. Georg kann sich erholen und am nächsten Tag geht es weiter.
Ihr könnt es euch ja inzwischen denken, wir haben wieder einmal falsch gedacht. Das soeben erspähte Camp war des Millennium Camp auf 4000 m Höhe. Nach sage und schreibe dreieinhalb Stunden kamen wir im Mweka-Camp auf 3000m an.


ein schier endloser Weg

Das sich laufend veränderte Landschaftsbild und die verschiedenen Vegetationszonen konnten wir nicht wirklich in uns aufnehmen, geschweige denn genießen. Fotos gibt es gar keine von diesem Wegabschnitt. Die Sorge um Georgs körperliche Zustand war zu groß um auch noch mit dem Fotoapparat rumzufuchteln.

Im Camp war unser Zelt schon aufgebaut. Wir bekamen eine kräftigende Suppe und trockene Brotscheiben. Hoffentlich behält Georg auch was im Magen.
Msafiri und Praygod bekamen Angst um den Gesundheitszustand von Georg und schlugen deshalb vor, nach einer größeren Pause noch zwei Stunden dranzuhängen und bis unten zum Gate (Ausgang des Nationalparks) zu marschieren. Im Falle der Fälle könnte man so dann in Moschi auch das Hospital besuchen.

Erst Pause, dann sehen wir weiter. Die Suppe war erste Klasse und wie ein Wunder, Georg kam schnell wieder zu Kräften.  Wir waren bereits 15 Stunden auf den Beinen (die kleinen Pausen unterschlage ich jetzt einmal) und wer schon mal eine vergleichbare Strecke (von 4700 m bis auf 5895 m und runter bis auf 3000 m, und wer weiß wie viel Weitenkilometer das waren) gelaufen ist, der weiß wie wir uns selbst nach der Pause fühlten. Der Kopf schmerzte, der Rücken und die Hüften taten weh, die Kniegelenke (ich glaube) spürte ich gar nicht mehr und die Füße, ja die Füße, ich denke heute lieber nicht mehr daran.

Trotzdem, wir haben uns entschlossen die zwei Stunden noch zu packen und freuten uns um 14.00 Uhr schon auf eine Dusche und auf ein richtiges Bett. Nach kurzer Wegstrecke, als wir sahen, das es Georg viel besser ging, beschlossen wir, das Praygod und James mit Georg gehen und ich mit Msafiri. Msafiri und ich waren erstaunlich gut in Form und wir wollten die 2 Stundenstrecke auch wirklich in 2 Stunden bewältigen. Es hat nicht ganz geklappt. Volle drei Stunden haben wir gebraucht, allerdings habe ich trotz unserer Geschwindigkeit noch interessante Pflanzen im Dschungel entdeckt und auch noch einige Fotos gemacht.


ein Teilstück Dschungel


Am Ausgang des Kilimanjaro Nationalpark

Um 17.00 Uhr war ich am MwekaExitGate (1640 m). Das Abenteuer Kilimanjaro war geschafft und die Cola habe ich mir von Msafiri geschnorrt und wirklich verdient. Es dauerte noch eine halbe Stunde bis Georg und seine beiden Begleiter eintrafen.

Wir hatten es geschafft und wahrlich, wir waren geschafft.

Doch noch schnell ein Foto von uns allen und dann mit dem Kleinbus eine knappe Stunde über Afrikas Straßen zu unserem Basis-Camp Rose Home am Stadtrand von Moshi. Duschen, essen, schlafen, ausruhen und keine weiteren Abenteuer mehr im Kopf.


Jambo, wir haben es geschafft!

So eine Tour mache ich nie wieder, aber ich möchte auch nicht nur eine Sekunde missen!

Jambo, I´ve made ist!

Kilimanjaro 5895 m

Fotos: Kandelaber-Blog

19. Juli 2006 Machame-Route, sechste Tagesetappe (I)

Körperlich der schwerste Tag in meinem Leben,
Mittwoch der 19. Juli 2006
.
Es ist 23.00 Uhr am Dienstag den 18.07.2006. Vom richtigen schlafen in dieser Nacht auf einer Höhe von 4700 Metern konnte keine Rede sein. Im Schlafsack hat sich ein halbwegs erträgliches Mikroklima eingestellt obwohl das Thermometer im Zelt gerade 9 Grad minus anzeigt. Trotzdem, jetzt ist Aufstehen angesagt. Draußen herrscht schon ordentlich Krach von anderen Gruppen. OK, alle wollen gleich los ziehen. Hilft nix, raus aus dem Sack und die eiskalten Schuhe angezogen, den Rest hatten wir ja schon im Schlafsack an.
Essen wollen wir aber nichts, zwei Tassen heißen Kakao mussten wir zu uns nehmen.

Alles 3 mal kontrolliert, Anziehsachen, Stirnlampe, Gepäck, Thermoskanne mit heißem Wasser und einige trockene Kekse, Stöcke, Handschuhe und Überhandschuhe. Mittlerweile ist es kurz vor Null Uhr. Unser Guide Msafiri, der zweite Mann Praygod, Georg und ich stellten uns zu einem kleine Kreis (nun gut, Viereck) vor dem Zelt auf.
Msafiri sprach ein Gebet und in diesem Moment vergaßen wir die anderen Gipfelstürmer, die Kopfschmerzen und was uns sonst noch alles quälte. Bisher gab es täglich Steigerungen in diesem Bergmassiv, in jeder Hinsicht. Aber in diesem Augenblick, während des Gebetes, erkannten wir glasklar, dass uns noch weitaus mehr abverlangt werden würde. Wir erahnten die Gefahr (fast tödliche Gefahr) und wir hatten plötzlich mehr wie nur Respekt vor dem Berg. Msafiri hat uns gut eingestellt auf diese letzte Herausforderung.

Um 0:05 reihten wir uns ein in den Tatzelwurm von vielleicht 200 Menschen, die alle mit Stirnlampen und Stöcken ausgerüstet die letzte Wegstrecke bis zum Kraterrand in Angriff nahmen.
Abnehmender Mond und ein sternenklarer Himmel, da brauchten wir die Stirnlampe nicht immer. Leider konnten wir die fantastische Aussicht auf die sich den Berg hoch quälende Lichterkette und dem fast kitschig und künstlich wirkenden Nachthimmel nicht genießen. Überkam mich mal die Versuchung eines flüchtigen Blicks, taumelte ich auch sofort wie betrunken hin und her und drohte gar hinzufallen. Die Kopfschmerzen und der Schwindel ließen auch mich ganz schnell wieder den stupiden Blick auf die Hacken des Vordermannes richten.

Bald zeigte das Thermometer 15 Grad minus und der Sauerstoffmangel war allgegenwärtig. Ab etwa 5300 Meter hatte ich kam noch Luft genug, um Pause zu rufen wenn nix mehr ging.
Pause, ha was für ein Wort. Bei dieser Höhe und Kälte trinkst du schnell einen halben Becher heißes Wasser und bewegst dich nach zwei Minuten weiter, sonst bewegst du dich bald gar nicht mehr.

Msafiri hat mich bei etwa 5400 Metern Höhe gefragt was denn 2 + 2 wäre: ganz einfach hab ich gesagt und vier Finger gezeigt. „Ja aber wie heißt die Zahl„? wollte er wissen. Die 4 stand vollkommen klar vor meinem geistigen Auge, aber ich konnte es nicht sagen. In diesem Moment erkannte ich die riesige Gefahr, der wir uns ausgesetzt hatten. Ich wusste genau, wenn ich jetzt stolpere und mich nicht sofort aufrappeln kann, bin ich tot. Viele Gedanken flogen mir durch den Kopf, ungeordnet, nicht wirklich kontrollierbar. Sicher wusste ich noch dass ich verheiratet war, aber der Name meiner Frau – ja sie hat einen Namen, aber welchen. Habe ich Kinder oder wollte ich mal welche haben? Was Sauerstoffmangel so alles bewirkt!
Eine Situation, in der es fast schwer fällt nicht in Panik zu geraten und einfach hinter dem Vordermann her zu laufen.

Das Laufen wie wir es hier im Flachland kennen, das haben wir auch schnell abgelegt, auf dieser letzten Etappe nach ganz oben. Einatmen, einen Fuß nach vorne, ausatmen. Einatmen, einen Fuß nach vorne, ausatmen. Das liest sich jetzt wohl etwas merkwürdig, aber die letzten hundertfünfzig Höhenmeter bis zum Kraterrand sind wir wirklich so „gelaufen“ (getaumelt, gekrabbelt).

Wir haben es geschafft! Pünktlich zum Sonnenaufgang über AFRIKA um 5.30 Uhr (Mitteleuropäischer Sommerzeit) haben wir den Kraterrand erreicht!
Hier, an diesem Punkt gilt der Berg als bestiegen. Eiskalter Wind (- 22 Grad) warf uns fast zu Boden. Instinktiv Schutz suchend kauerten wir uns hinter einen etwa Schrank großen Lava-Brocken. Nur eine ganz kleine Pause wurde uns gegönnt, dann überredeten uns unsere beiden afrikanischen Begleiter (ich möchte fast Freunde sagen) doch noch den kurzen Weg von knapp 150 Metern bis zum UHURU PEAK zurück zu legen.
Na gut das kleine Stückchen noch. Es waren allerdings 150 Höhenmeter für die wir eine weitere dreiviertel Stunde und eine unvorstellbare Selbstmotivation brauchten.

Um 6.14 standen wir am höchsten Punkt von Afrika,
dem UHURU PEAK 5895 Meter hoch
.

Was für ein Gefühl, welch ein Adrenalin-Schub geht durch den Körper. Einige Gipfelfotos habe ich trotz (blau)gefrorenen! Fingern irgendwie hinbekommen. Die Fotos von UNS hat ein Bergfreund einer Elsässer Truppe gemacht. Gestaunt, geguckt, genossen, fotografiert, gratuliert, nach 20 Minuten Hochgefühl ging es zurück.
Mit jedem Schritt bergab kam mehr Kraft in die Beine zurück. Die Sonne brachte auch schnell eine angenehme Themperatur, so dass ich bald ohne Handschuhe und mit offener Jacke laufen konnte. Es ging mir gut und ich habe einige Fotos auf dem Weg bis zum Barafu Camp (4700 m) gemacht.


UHURU PEAK – das Dach von Afrika


Büßerschnee, Gletscher und Wolken


Der Rückweg


es geht bergab


noch 45 Minuten bis zum Barafu Camp (4700 m)


echte Pause nach 9 Stunden Verausgabung

Das Camp war unser Zwischenziel und für diesen Tag das Ende dieses Beitrages.
Morgen folgt der ZWEITE TEIL unserer sechsten Tagesetappe auf der Machame-Route am Kilimanjaro im Juli 2006.

Fotos: Kandelaber-Blog

18. Juli 2006 Machame-Route, fünfte Tagesetappe

Langsam fühlten wir uns am Kilimandscharo schon fast wie zu Hause. Nach der leichten und kurzen Touretappe von Gestern konnte ja nichts mehr schief gehen. Stichwort „SCHIEF„, wie die Ebene auf der unser Zelt stand. Wir hatten die Nacht unruhig geschlafen, wohl weil ich Georg ständig bergauf schieben musste und ich selbst mehr auf der Zeltwand und nicht auf dem Boden lag.

Nun, nach dem Frühstück verließen wir das Karanga Camp (4100 m) und starteten durch zum Barafu Camp (4700 m). Durchstarten lässt jetzt wohl eine größere Geschwindigkeit vermuten, dem war leider nicht so. Wir waren beide fürchterlich kaputt und die gesamte Tagesetappe war eine reine Qual. Für mich ganz schlimm, dieser Tag. Aber ich vermute dem Georg ging es auch nicht nur aus Mitgefühl so schlecht.
Wir hatten wenig bis gar keinen Appetit und mussten uns wirklich zwingen genügend zu trinken. Um etwa 17.00 Uhr versuchten wir zu schlafen (voll angezogen im Schlafsack). Das Thermometer zeigte -6 Grad an und um 23.00 Uhr war Wecken angesagt.

Von diesem Tag habe ich nur ganz wenige Fotos und auch hier will ich nur (erstmals) zwei zeigen, die einen kleinen Einblick in unser Camper-Idyll gewähren.


Zeltplatz in 4700 m Höhe


unser Zelt, zumindest windgeschützt

Wir ahnten nicht was der nächste Tag für uns bereit hielt. Das war auch besser so, aber von dem Highligh, der absoluten Härte und über die 5895 Meter Höhe berichte ich Morgen.

Fotos: Kandelaber-Blog

17. Juli 2006 Machame-Route, vierte Tagesetappe

Unser Weg zum Uhuru Peak (5895 m), der Freiheits-Spitze, also die höchste Erhebung des Kilimandscharo die  früher übrigens einmal Kaiser-Wilhelm-Spitze hieß, führte an diesem Tag vom Barranco-Camp (3900) bis zum Karanga Camp (4100 m). Eine vergleichsweise kurze und auch recht einfache Wegstrecke. Wir haben dieses Teilstück nur für unsere Aklimatisierung in die Tour eingebaut und mit diesem zusätzlichen Tag unseren Körpern eine Gelegenheit geboten, sich besser an die Höhe zu gewöhnen.


Kilimanjaro, Machame-Route, Barranco-Camp, Breakfast Wand

Direkt nach dem Frühstück geht es steil nach oben. Eine etwa 400 m hohe fast senkrechte Wand, die sogenannte Breakfast Wand mußte erklommen und überwunden werden. Eine wahrlich abenteuerliche Ketterpatie, die allerdings die einzige  Herausforderung an diesem Tag darstellte.


in der Breakfast Wand, Foto: Michael Sorg


Wegweiser auf dem Weg zum Uhuru Peak

Der Lagerplatz im Karanga Camp war nicht besonders schön und gerade war dort auch nichts.  Dies hatte aber erst in der folgenden Nacht Auswirkungen, Georg rutschte mir mehrmals mit seinen 90 kg (unfreiwillig) auf die Pelle.


schon verdammt nah dran

Fotos: Kandelaber-Blog.de weitere Infos auf: Kilimanjaro im Juli 2006

16. Juli 2006 Machame-Route, dritte Tagesetappe

Es ist der 16. Juli 2006, wir befinden uns auf der Machame-Route am Kilimanjaro. Trotz der Höhe habe ich gut geschlafen,  nur nicht lange genug. Schon bevor es hell wurde überkam die Einheimischen ein innerer Zwang lauthals Nachrichten und Neuigkeiten auszutauschen (kurz: Radio Afrika). Das hatte aber den Vorteil, dass wir schon sehr früh fertig im Zelt saßen und auf die Waschschüsselchen und unser Frühstück warteten.
Dann ging es los. Der dritte Tourtag sollte vom Shira-Camp (3850 m) über den so genannten Lava-Tower (4600 m) bis zum Barranco-Camp (3900) gehen. An diesem Tag waren wir absolut daneben. Die Höhe machte uns zu schaffen und hämmernde Kopfschmerzen übertünchten fast die Schlappheit unserer Körper. Natürlich geht es an diesem 3. Tag nicht nur darum, von A nach B zu kommen, nein die Aklimatisierung und die Gewöhnung an die Höhe sind besonders wichtig.


Lava-Tower etwa 4600 Meter hoch

Um es kurz zu machen, den Lava-Tower haben wir links liegen gelassen und in einer Höhe von 4400 Metern den direkten Weg ins nächste Camp eingeschlagen. Wie auf dem Foto gut zu erkennen, wir waren einfach fix und fertig und hätten auch nicht mehr gewettet, den nächsten Tag zu erleben. Das war unsere ehrliche Meinung!


fix und fertig in etwa 4400 Metern Höhe

Vollkommen ausgepowert haben wir dann das Barranco-Camp erreicht und uns sofort ins Zelt geschmissen um eine Rund zu schlafen (noch vor dem Essen). Ein geradezu höllischer Tag.


Barranco-Camp (3900m) und das Ziel vor Augen

Fotos: Kandelaber-Blog.de